Zahnärztinnen packen es an
Politik und praktikable Geschäftsmodelle, der Wille zur Veränderung und der Austausch unter Gleichgesinnten: Unter dem Motto „Kompetenz durch Verbundenheit“ fand im September in Weimar der zweite bundesweite Zahnärztinnen-Kongress statt.
Goethe lebte hier, Schiller auch, Franz Liszt war Kapellmeister – große Namen verbinden sich mit Weimar. Vor allem die von Männern. Doch wer stand hinter diesen Männern? Richtig: lauter starke Frauen. Denn ohne ihre Förderinnen, die Herzogin Anna Amalia und die Großherzogin Maria Pawlowna, hätten die berühmten Dichter, Denker und Musiker die thüringische Stadt nicht so ohne Weiteres zur Blüte gebracht.
Ein passender Ort also für den zweiten bundesweiten Zahnärztinnen-Kongress, den der FVDZ vom 18. bis zum 20. September als „ZoRA-Forum“ veranstaltete. Aus ganz Deutschland reisten Zahnärztinnen an, um sich über Machbares in der Berufspolitik und Praktikables für ihre Praxis auszutauschen. Nach dem ersten Kongress in Travemünde im vergangenen Jahr sollte es diesmal – neben viel Fachlichem – ganz konkret darum gehen, die Zahnärztinnen untereinander stärker zu vernetzen und mehr Frauen für die Standespolitik zu gewinnen.
Frauen müssen sich auf Positionen engagieren, wo man ihnen auch zuhört“, sagte Dr. Kerstin Blaschke, Mitglied im FVDZ-Bundesvorstand und Mitorganisatorin des ZoRA-Forums. Prognosen zufolge werde es in Deutschland im Jahr 2017 genauso viele Zahnärztinnen wie Zahnärzte geben. „Wenn wir 50 Prozent der Kollegen stellen, sollte sich das auch in den berufsständischen Gremien widerspiegeln“, betonte Dr. Blaschke. „Man muss sich dieser Verantwortung stellen.“
Bisher sehen die Zahlen eher mau aus: In der KZB-Vertreterversammlung beispielsweise findet sich derzeit gerade mal eine Frau – neben 57 Männern, und um die Bundeszahnärztekammer ist es nicht viel besser bestellt. Dabei sind im FVDZ mehr als 5000 Frauen organisiert. Das sind fast 30 Prozent der Mitglieder. In den Gremien ist davon allerdings nichts zu spüren. Auch viele Männer sehen das mittlerweile als Problem. „Wenn Sie möchten, dass mehr Politik in Ihrem Interesse betrieben wird, müssen Sie sich engagieren“, betonte der FVDZ-Bundesvorsitzende Dr. Karl-Heinz Sundmacher, in seinem Grußwort. „Mein Impetus: Kommen Sie in die Gremien und hauen Sie dort ungeniert auf den Putz, denn sonst ändert sich nichts.“
Die Veränderungen im Zahnarztberuf und der Mut zum Neuen waren der rote Faden, der durch den Kongress führte. Denn klar sind zwei Dinge: Die Zahnmedizin wird weiblich, und die herkömmlichen Praxisformen werden zunehmend durch neue Modelle abgelöst, die ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringen. Auf dem Forum ging es deshalb zunächst um praktische Fragen für die Zahnärztin als Unternehmerin und Führungskraft: Wie schafft man es, seine Praxis auf eine solide finanzielle Basis zu stellen? Wie sichert man ihre Liquidität selbst in Krisenzeiten? Wer hilft bei der Altersvorsorge, bei Berufsunfähigkeit, im Scheidungsfall? Welche Kooperationsformen sind im Kommen, und welche Fallen gilt es hier unbedingt zu vermeiden?
Was in allen Vorträgen mitschwang, war der Rat: Pack es an – und zwar jetzt! „Wann ist der richtige Zeitpunkt für Investitionen, mit denen man seinen Umsatz steigern kann?“, fragte Referentin Ines Börner, Unternehmensberaterin der Apotheker- und Ärztebank. „Heute und nicht morgen. Selbst wenn es auf dem Konto nicht so gut aussieht – es nutzt
nichts, auf bessere Zeiten zu warten. Denn wann bräuchte man den Umsatz nötiger als jetzt? Und wer weiß schon, was in zwei Jahren ist.“
Für den endgültigen Motivationskick sorgte der Führungsexperte und Top-Manager-Coach Boris Grundl. Mit 25 Jahren verunglückte der damalige Leistungssportler. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Trotz dieser Tragödie rappelte er sich auf und machte eine rasante Karriere als Marketingexperte und Führungskraft. Heute ist er Unternehmer und einer der meistgefragten Management-Trainer in Europa. „Wie macht man aus einer Krise einen Sieg?“, ist seine zentrale Frage – und die Antwort lautet: indem man seinen „geistigen Hausputz“ betreibt und sich allen Veränderungen und Problemen stellt.
„Eine Stärke des Unternehmers ist es, sich auf das zu konzentrieren, was er beeinflussen kann, und den Rest zu ignorieren“, sagte Grundl. „Egal was passiert – stellen Sie sich die Frage: Was könnte das Hilfreiche daran sein?“ Dafür müsse man loslassen können, sich von bequemen Gewohnheiten trennen und raus kommen aus der Opferhaltung. Treffen wie das ZoRA-Forum seien deshalb ideal, um sich neu aufzustellen: „Denn hier können Sie Rosinen klauen und fragen: Wie machst Du das? Warum bist Du so erfolgreich?“
Von „Klauen“ konnte zwar keine Rede sein, aber die Zahnärztinnen nutzten in Weimar jede Gelegenheit zum regen Austausch – das ausgebuchte Rahmenprogramm, zu dem die Familien mitkamen, ebenso wie die extra langen Kaffeepausen, die dem Netzwerkgedanken dienten. Ob es um die Suche nach einem Praxisnachfolger ging oder um die besten Materialien in der Implantologie, ob um Mitarbeiter-Management oder um die Hemmschwellen bei der Aufnahme eines offiziellen Amtes – selbst im Plenum kamen Probleme ganz offen auf den Tisch.
Manchmal frage sie sich schon, für wen sie eigentlich kämpfe, sagte Dr. Ursula von Schönberg, Mitglied der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe. „Die Frauen sind nicht da, in den Versammlungen.“ Wie im Haifischbecken fühle sie sich manchmal, sagte eine andere Teilnehmerin, die sich mittlerweile berufspolitisch engagiert. „Aber man bekommt auch Unterstützung, und selbst in kleinen Schritten kann man dann etwas bewirken.“
Wenn wir die Freiberuflichkeit in der Zahnmedizin erhalten wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen“, sagte Dr. Blaschke. Genau dieses Ziel verfolge ZoRA, denn in einem generationenübergreifenden Netzwerk könnten sich Zahnärztinnen in jeder Phase ihres Berufslebens gegenseitig stützen. So wie in Weimar oder demnächst in Hessen: Die Teilnehmerinnen aus Frankfurt, Büdingen und Melsungen beschlossen auf dem Zahnärztinnen-Forum, in ihrem Bundesland ein regionales Netzwerk zu starten.
Marion Meyer-Radtke,
freie Journalistin
