Die eigene Praxis bietet mehr Flexibilität
25.10.2011 13:38
Vereinbarkeit von Beruf und Familie beim Europäischen Gesundheitskongress in München:
Der Anteil der Studentinnen in der Human- und in der Zahnmedizin an den Universitäten hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht und liegt inzwischen bei über 60 Prozent. Das führt zu Veränderungen im Berufsbild und in der Berufsausübung, die zum Teil heute schon feststellbar sind: Die Perspektive, dass ein niedergelassener Arzt das ganze Jahr und rund um die Uhr für die Patientenversorgung zur Verfügung steht und die Familie sich dem beugen muss, gehört schon längst der Vergangenheit an. Trotz veränderter Rahmenbedingungen und einem sich abzeichnenden Ärzte- und Fachkräftemangels seien wirtschaftliche Selbstständigkeit als Arzt oder Zahnarzt auf der einen Seite undWork-Life-Balance auf der anderen Seite heutzutage kein Widerspruch, erklärte Georg Heßbrügge von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank beim 10. Europäischen Gesundheitskongressin München.Die jüngere Generation wolle überwiegend nicht mehr Einzelkämpfersein, sondern den Beruf als „Teamplayer“ ausüben,berichtete Heßbrügge bei einem Symposium mit dem Thema „Wird die Medizin weiblicher, kooperativer und kommunikativer?“.Für Viele seien - unabhängig vom Geschlecht – die Planbarkeitdes Einkommens und der Honorarentwicklung sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu wichtigen Fragengeworden. Vor allem die steigende Zahl Medizinischer Versorgungszentren(MVZ) habe sich zu einem „Eisbrecher für flexible Arbeitszeitmodelle“entwickelt. Inzwischen gibt es bundesweit etwa 14.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte, davon jeweils etwa die Hälfte in Medizinischen Versorgungszentren und in Praxen, berichtete Heßbrügge. Damit seien immerhin inzwischen etwa zehn Prozent der ambulant versorgenden Ärzte nicht mehr freiberuflich tätig. Eine ähnliche Entwicklung gebe es auch bei den Zahnärzten, wo inzwischen etwa 5.000 angestellte Zahnärzte registriert seien. Signifikante Unterschiede nach dem Geschlecht seien ihm nicht bekannt. Auch beim Weg in die Selbstständigkeit und bei der Inanspruchnahme von Existenzgründungsfinanzierung seien keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellbar. Um die Ansprüche an Beruf und Familie unter einen Hut bringen zu können, werde jedoch zunehmend häufiger die Kooperation in der Freiberuflichkeit gewählt. Und auch die Übernahme einer Praxis in einem Ärztenetz sei eine gute Möglichkeit, die Work-Life-Balance zu verbessern. Bei den Zahnärzten sei die Übernahme einer Einzelpraxis allerdings nach wie vor die am häufigsten gewählte Einstiegsoption.

Keine Lust auf simple Schlagworte
Sie könne das Schlagwort von der „Feminisierung der Medizin“ nicht mehr hören, erklärte Dr. Ilka Enger, zweite stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Denn dahinter stehe der unausgesprochene Vorwurf, dass Frauen in der Medizin auch ein Grund dafür sind, dass es einen Ärztemangel gibt. In Wirklichkeit müsse man sich jedoch die Frage stellen, ob vor allem deshalb mehr Frauen Medizin studieren, weil die Bedingungen des Arztberufs schlechter geworden sind und der Beruf wegen der fehlenden finanziellen Sicherheit für Männer nicht mehr interessant genug ist. Ungeachtet dessen sei für Frauen der Weg in die Selbstständigkeit immer noch die bessere Option, weil dort mehr Möglichkeiten bestehen, sich selbst zu organisieren, erklärte Enger.

Nach Ansicht von Dr.-medic/IfM Timisoara Kerstin Blaschke, stellvertretende Bundesvorsitzende des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ), wird die Medizin weiblicher, kooperativer und kommunikativer. In der Zahnmedizin gebe es seit vielen Jahren mehr als 60 Prozent Studentinnen. Die Zunahme der Kooperationsformen habe jedoch nichts mit den Frauen im Beruf zu tun, sondern sei die Folge gesellschaftlicher Veränderungen. Die persönliche Entwicklung und die Familie stünden im Vordergrund, so Blaschke. Aber auch die zunehmende Komplexität in der Zahnmedizin erfordere Kooperationen. Der West-Ost-Vergleich zeige, dass in den neuen Bundesländern prozentual mehr Zahnärztinnen als Zahnärzte tätig sind. „Das war schon immer so“, sagt Blaschke. Die Frauen hätten auch früher schon Beruf und Familie miteinander vereinbaren müssen, was in diesem kreativen Beruf besser gehe als in anderen. Dies spiegelt sich allerdings nicht in den Gremien der Selbstverwaltung, bedauert Blaschke. Frauen seien in der Berufspolitik noch immer deutlich unterrepräsentiert und erreichten noch nicht einmal den im Durchschnitt der Wirtschaft erreichten Anteil von 13 Prozent. Um so wichtiger sei es, dass sich die Frauen auch in der Berufspolitik einbringen. Man könne von den Männern nämlich nicht erwarten, dass sie sich um die frauenspezifischen Themen des Berufs kümmern.
Jürgen Stoschek, freier Journalist


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