Schnellnavigation

Thüringer Langlauftage der Special Olympics: Wettkampf und Mundgesundheit

Jonas sitzt in Skilanglaufkleidung im Mehrzweckgebäude des Oberhofer Skistadions und lässt von Zahnärztin Dr. Christine Hofmann-Niebler seine frisch geputzten Zähne untersuchen. Gerade hat der 17-Jährige im Thüringer Wintersportzentrum seinen ersten Wettbewerb bei den Special Olympics im Skilanglauf bestritten. Jetzt antwortet der schmächtige Jugendliche auf die Fragen der Zahnmedizinerin aus Kulmbach. Bei den Oberhofer Langlauftagen der Special Olympics für Menschen mit geistiger Behinderung standen Mitte Januar in Oberhof rund 160 Sportler aus Deutschland, Slowenien, Italien, Österreich und Luxemburg nicht nur sportlich im Mittelpunkt. Unterstützt vom Frauen-Netzwerk ZoRA im Freien Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ), rückten die Veranstalter auch ihre Mundgesundheit in den Fokus – mit den „Special Smiles“, einer zweitägigen Zahnputzaktion und einem Zahn-Screening.

 

 

Die Special Olympics sind eine vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannte und in mehr als 170 Ländern vertretene Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Seit 2004 werden sie von einem Gesundheitsprogramm begleitet. Für Thüringen war die Aktion ein Novum. Dass es dazu kam, ist den Zahnärztinnen von ZoRA zu verdanken. Sie hatten im vergangenen Jahr auf dem Weimarer Forum des FVDZ Geld für die Special Olympics gespendet. Den symbolischen Scheck über 1000 Euro über- gab die stellvertretende FVDZ-Bundesvorsitzende und ZoRA-Mitgründerin, Dr. Kerstin Blaschke, zum Auftakt der Veranstaltung an den Sprecher des Thüringer Athletenrats, Stefan Seidel. Die Thüringerin hatte in Oberhof praktisch Heimvorteil. Sie ist Inhaberin einer Zahnarztpraxis im nahe gelegenen Schmalkalden.

 

Während der Special Olympics haben jedoch die behinderten Sportler Vorrang vor dem regulären Praxisbetrieb. „Ich wollte nicht nur einen Spendenscheck überreichen, sondern selbst aktiv mitgestalten“, sagt Blaschke, die eine ihrer Praxismitarbeiterinnen mitgebracht hat. Mehr Aufmerksamkeit auf behinderte Patienten zu lenken, sei ihr wichtig. Zahnärzte hätten auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Unterstützung für die Aktion kommt außerdem von der Landeszahnärztekammer Thüringen und deren Präsident Dr. Andreas Wagner.

 

„Spitzenwerte für Patienten mit Behinderungen“

 

Zwei Tage lang schauen in der Oberhofer Skiarena sieben Zahnärztinnen, vier Helferinnen und zwölf Zahnmedizinstudenten der Universität Jena in die Münder der Special-Olympics- Teilnehmer, dokumentieren fehlende, kariöse oder restaurierte Zähne, um den „Decayed-missed-filled-tooth-“ (DMFT-)Index ermitteln zu können. Auch der Plaque-Index wird erfasst, ebenso Anzeichen von Gingivitis oder Zahnverletzungen. Hinzu kommt eine ausführliche Befragung der Wintersportler, für die die Untersuchungen kostenlos sind. Insgesamt werden 180 Menschen untersucht, außer den Aktiven auch die Special-Olympics-„Schlachtenbummler“ aus Behinderteneinrichtungen in Thüringen. Die Daten gehen in anonymisierter Form an die weltgrößte Datenbank zum Gesundheitszustand von Menschen mit geistiger Behinderung, die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA.

 

Während die Athleten im Nebel ihre ersten Runden im Skistadion drehen und dabei vielleicht an die internationalen Biathlon- und Langlauf-Stars denken, die die Oberhofer Arena sonst bevölkern, bereitet Dr. Imke Kaschke, Managerin des Gesundheitsprogramms der Special Olympics in Deutschland, die Zahnärzte auf die Untersuchungen vor. Screening-Fragebogen, Zahnpastatuben und Zahnbürsten werden verteilt. „Was Sie hier sehen werden, sind eigentlich Spitzenwerte für Patienten mit Behinderungen“, sagt Kaschke. „Sportler sind immer noch selbst in der Lage, sich die Zähne zu putzen.“ Trotzdem – mit der Mundgesundheit nichtbehinderter Menschen könnten auch sie nicht mithalten.

 

Das hatte Kaschke bereits im Jahr 2004 in einer Studie festgestellt. Fehlten einem Erwachsenen in der Durchschnittsbevölkerung statistisch 2,4 Zähne, seien es bei Teilnehmern der Special Olympics mit 4,2 Zähnen fast doppelt so viele. Und während der Durchschnittserwachsene im Alter von 35 bis 44 Jahren zwölf gefüllte Zähne aufweise, seien es bei Special-Olympics- Startern nur neun. Auch die Ergebnisse von Screenings bei früheren Special Olympics sprechen eine deutliche Sprache. Von rund 3000 in den Jahren 2006 bis 2010 untersuchten Sportlern klagte ein Zehntel über Schmerzen im Mund, bei jedem Zweiten war eine zahnärztliche Behandlung erforderlich und bei 14 Prozent sogar akut notwendig. Ebenfalls bei jedem Zweiten wurde eine Gingivitis diagnostiziert.

 

Auch eine Frage der Zeit

 

Dass es in der zahnärztlichen Versorgung von Patienten mit Behinderungen erhebliche Defizite gibt, darauf machen die berufsständischen Organisationen der Zahnärzte seit Jahren aufmerksam. Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) haben gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Behindertenbehandlung im Berufsverband Deutscher Oralchirurgen (BDO) ein Reformkonzept für die Behandlung von Menschen mit Handicap und von Pflegebedürftigen vorgelegt. Sie fordern, dass erforderliche präventive Leistungen bei erwachsenen Behinderten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden und dass die aufsuchende Betreuung durch Zahnärzte verbessert wird. Bislang schlägt sich der höhere Aufwand in der Behandlung von Patienten mit Behinderungen nicht in der Vergütung nieder. „Die Zahnärzte machen das aus reinem Idealismus“, beschreibt Thüringens Kammerpräsident Dr. Andreas Wagner die Situation. Auch in Oberhof sind die Zahnärztinnen ehrenamtlich tätig. Zu ihnen gehört Prof. Roswitha Heinrich-Weltzien vom Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Universitätsklinikum Jena. Bei einem 23-Jährigen aus einem Behindertenwohnheim im thüringischen Ilmenau stellt sie zwei gefüllte Zähne, eine Lücke und reichlich Plaque fest. „Da ist Nachputzen angebracht“, mahnt sie und blickt die anwesende Betreuerin des 23-Jährigen an. „Helfen Sie manchmal dabei?“ Ausführlich berät die Zahnärztin sie anschließend zur Fluoridierung und empfiehlt, mit dem Zahnarztbesuch nicht allzu lang zu warten. „Es muss nicht erst zum Loch kommen.“ Die Betreuerin bedankt sich für die Tipps. „Das ist eine echte Hilfe. Unser Zahnarzt nimmt sich sonst nicht die Zeit, das mal zu erklären.“ Dass es innerhalb des Berufsstandes durchaus Defizite im Umgang mit behinderten Patienten gibt, bestätigt Dr. Imke Kaschke. Diese hätten im Wesentlichen fachliche Ursachen. „Es gibt dazu leider keine obligaten Ausbildungsinhalte im Zahnmedizinstudium.“

 

Auch die Fortbildung für bereits praktizierende Zahnärzte müsse verbessert werden. Die Landeszahnärztekammer Thüringen etwa hat ihr Fortbildungsangebot bereits entsprechend erweitert. Angesichts der angesprochenen Ausbildungsdefizite zeigt sich Thüringens Kammerpräsident Dr. Andreas Wagner umso erfreuter über die Beteiligung der Studierenden am „Special-Smiles“-Programm: „Als Zahnärzte haben sie später ganz bestimmt keine Berührungsängste.“

 

Katrin Zeiß,

freie Journalistin