Reden statt golfen: Frauen haben Nachholbedarf beim Netzwerken
Goethe hätte seine helle Freude gehabt: Frauen, so weit das Auge reicht. Zum dritten Weimarer Forum trafen sich in der Wahlheimat der Dichter und Denker Zahnärztinnen aus ganz Deutschland. Hochkarätig waren die Fachvorträge zu medizinischen und rechtlichen Themen besetzt. Es wurde heiß diskutiert und gefachsimpelt – die offene Atmosphäre des Kongresses lud in schönster goethischer Manier zum Gedankenaustausch ein.
„Ich finde Stress toll.“ Als Referentin Sabine Schonert-Hirz mit diesem Satz ihren Vortrag zum Thema „Burn-out“ beginnt, hat sie alle Aufmerksamkeit im Raum. Einige Frauen lächeln; andere fassen sich an den Kopf. Was ist denn schon toll am Stress? An zu viel Stress natürlich nichts, aber ein gewisses Maß ist gut, um das Wechselspiel von Anspannung und Entspannung gut hinzubekommen. „Eigentlich ist es egal, ob Säbelzahntiger, Schwiegermutter oder Krankenkassen den Stress auslösen“, meint die Referentin, „wichtig ist, wie wir ihn in positive Energie umwandeln.“ Schonert-Hirz, selbst Medizinerin, berufstätige Frau und Mutter, weiß, wie schwierig sich dieser Ratschlag für manch eine Zuhörerin in der Weimarhalle umsetzen lassen wird. Aber die Energie, die sie ausstrahlt, wirkt ansteckend. Und am Ende kommt sich niemand seltsam vor, vom Stuhl aufzuspringen, die Hände in die Höhe zu recken und einfach mal tief durchzuatmen. Die Frauen waren bei ihrem Kongress ja – fast – unter sich.
Es war das dritte Mal, dass sich Zahnärztinnen aus ganz Deutschland zum Weimarer Forum getroffen haben. Organisiert vom Kompetenznetzwerk ZoRA (Zahnärztinnen organisieren Recht und Arbeit) bietet der Frauenkongress eine breite Plattform zum Austausch und fachlichen Lernen. Hinter dem Forum steht eine Idee: Frauen knüpfen Kontakte, tauschen Erfahrungen aus und bilden eine Art „Mentoring“-Netzwerk, aus dem jede Teilnehmerin für ihre berufliche Lebenssituation Rat bekommen kann. „Es geht dabei vor allem darum, was wir voneinander lernen können“, sagte Kerstin Blaschke, stellvertretende Bundesvorsitzende des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ) und Gründerin von ZoRA. Kontakte seien für viele Männer eine Selbstverständlichkeit und würden als Türöffner wirken. „Frauen haben in dieser Hinsicht einen erheblichen Nachholbedarf“, betont Blaschke.
In Deutschland und auch in ganz Europa steigt die Zahl der Absolventinnen der Zahnmedizin – bald wird es mehr weibliche Zahnärzte als männliche geben. Auch wenn die Probleme der Zahnärztinnen von Land zu Land variieren, so gibt es doch Grundprobleme, die über die Ländergrenzen hinweg für alle gleich sind: die Gründung eigener Praxen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie betonierte Strukturen in den entscheidenden politischen Gremien – deshalb traf der Titel des Forums „Frauen nehmen die Herausforderung an“ das Thema im Kern. „Frauen brauchen in dieser Hinsicht große Unterstützung“, betonte auch Vesna Barac-Furtinger, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Women in dentistry“ der European Regional Organisation of the Fédération Dentaire Internationale (ERO). Zahnärztinnen hätten innerhalb des Berufstandes bisher kein Netzwerk und seien viel seltener in den entscheidenden Gremien vertreten“, erläuterte die Zahnärztin aus Zagreb. „Sie müssen sich gegen die Riege der ‚old-boys networks‘ abgrenzen und ihre Interessen durchsetzen.“ Erstmals warf das „Weimarer Forum“ mit dem Kontakt zur ERO auch einen Blick über die Ländergrenzen hinweg, aus dem sich eine stetige Zusammenarbeit ergeben könnte, wie ZoRA-Organisatorin Blaschke hofft: „Wir wollen da gern auch Kolleginnen Hilfe anbieten, die aus anderen Strukturen kommen.“
In Weimar hatten die „Old-boys-Seilschaften“ nichts verloren. Das Kontakteknüpfen blieb hier ganz den Frauen überlassen – durchaus ermuntert von der männlichen Führungsriege des FVDZ: „Wenn Sie etwas erreichen wollen, müssen Sie sich selbst engagieren“, sagte der Vorsitzende des Freien Verbandes, Dr. Karl-Heinz Sundmacher, bei der Eröffnung des Kongresses. „Wir müssen alle den Weg überdenken, den wir in 50 Jahren gegangen sind und einen neuen einschlagen.“ Ermunternd zu mehr Engagement wirkte auch Dr. Ute Maier, Vorsitzende des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Baden-Württemberg, auf die Kongressteilnehmerinnen ein. „Man wird als Frau sehr unterstützt“, berichtete sie von ihren eigenen Erfahrungen – nicht ohne im selben Atemzug hinzuzufügen, dass Engagement auch immer eine Frage von Zeit ist. „Es geht darum, Lösungen zu finden, wie für Frauen nicht nur Kinder und Beruf, sondern auch noch standespolitisches Engagement zu vereinbaren sind“, erläuterte Maier. „Es ist einfach immer noch zu schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen.“ Vor allem vor dem Hindergrund, dass sich der zahnärztliche Beruf verändere, sei es wichtig, Frauen in die Gremien zu holen. „Denn dort fehlt häufig unsere Sicht der Dinge“, sagte die KZV-Vorsitzende.
Auch Weimars Sozialdezernentin Janna de Rudder war zu einem Grußwort zum Kongress gekommen und betonte: „Frauen müssen zusammenfinden und ihre Belange vertreten – über die Verbandspolitik hinaus.“ Dabei könnte der weibliche Blick auf die Dinge sehr bereichernd sein, denn „Frauen sehen das Ganze und nicht nur den verlorenen Zahn“. Ihre Aufforderung an die Zahnärztinnen: „Vernetzen Sie sich, aber grenzen sie die Männer nicht aus.“
Davon konnte in Weimar keine Rede sein. „Immer mehr Frauen reisen inzwischen mit ihrem Partner an“, berichtete Forum-Organisatorin Blaschke. „Auch für den fachlichen Teil haben sich einige Männer angemeldet.“ Ganz unter sich bleiben die Zahnärztinnen in Weimar schon lange nicht mehr – und genau so ist es gewollt. „Für uns ist die Offenheit wichtig“, betonte Blaschke.
In den Reihen der Frauen fielen die Männer im fachlichen Teil der Tagung jedoch kaum auf. Auch wenn zum Auftakt ein Mann auf dem Podium stand: Dr. Alexander Welk von der Universität Greifswald referierte in eloquenter Hörsaalmanier über „Modernes Biofilmmanagement“. Die Lacher hatte er gleich zu Anfang auf seiner Seite, als er im Hinblick auf den Papstbesuch im nahen Erfurt mit erfreutem Blick auf die gefüllten Reihen feststellte: „Also, dass ich mal eine Alternative zum Papst sein würde, hätte ich mir auch nicht vorstellen können.“ Sein Thema selbst war weniger amüsant, dafür ausgesprochen spannend aufbereitet, denn wenn Welk über den „Kampf der Keime im Biofilm“ im allerschönsten „Starwars“-Jargon spricht, lässt die Aufmerksamkeit nichts zu wünschen übrig. Sein Credo: Wir kennen die Zusammensetzung des dentalen Biofilms noch immer nicht, wir werden den Biofilm nicht überlisten können – Zahnreinigung ist ohne Alternative.
Nach so viel „power“ und Praxisnähe im Raum hatte es Dr. Kerstin Galler vom Universitätsklinikum Regensburg schwer, mit ihren Forschungsergebnissen zur „regenerativen Endodontie“ zu den Zuhörerinnen durchzudringen. Galler war im Frühjahr in Davos mit dem Förderpreis des FVDZ für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zum „tissue engeneering“ ausgezeichnet worden. Sie arbeitet an Therapiekonzepten zur stammzellbasierten Regeneration von Pulpagewebe. Zukunftsmusik für die zahnärztliche Praxis – allerdings mit dem Potenzial, die zahnärztliche Praxis zu revolutionieren.
Einen fachlichen Blick über den Tellerrand wagte das Forum mit einem Thema aus der Humanmedizin: „Ticken Frauenherzen anders“ hatte Dr. Ines Härtel, Internistin und Herzspezialistin aus Eisenach, ihren Vortrag überschrieben und widmete sich speziellen Herzkrankheiten von Frauen und besonderen Gefährdungslagen, die für das weibliche Geschlecht häufig anders gelagert sind als für Männer. „Ein bislang wenig beachtetes Thema, das erst langsam zutage kommt“, sagte Härtel. Die Kongressteilnehmerinnen waren angetan, von dieser Öffnung über die Zahnmedizin hinaus. „Hier konnte jede persönlich etwas mitnehmen, aber auch fachlich dazulernen, beispielsweise, was die unterschiedliche Dosierung von Medikamenten bei Männern und Frauen angeht“, sagte eine Teilnehmerin im Anschluss.
An der Praxis orientiert, wenngleich nicht an der zahnärztlichen, waren auch die rechtlichen Fachvorträge zu „Kinder im Steuerrecht“ von Steuerberaterin Iris Seidel der alpha-Steuerberatung Weimar und „Zahnärztliche Haftung“ von Rechtsanwalt Roland Wehn von der Deutschen Ärzteversicherung in Köln. Mit vielen Beispielen und Erläuterungen versuchten sie die doch recht kompakten Themen aufzulockern und den Zuhörerinnen nahezubringen.
Praktische fachliche Orientierung bot hingegen der Vortrag zum Thema „Hypnose – ein Weg zur stressfreien Behandlung“ des Leipziger Zahnarztpaars Dres. Ulla und Karsten Kilian, die Beispiele aus ihrer Praxis zeigten und einen kleinen Leitfaden zur Hypnosebehandlung darlegten. Höhepunkt des Referats: die Minihypnose des Publikums. Großen Anklang fand auch der Beitrag von Prof. Dr. Roswitha Heinrich-Weltzien vom Universitätsklinikum Jena. Sie berichtete über eine verbreitete Zahnschmelzstörung der Molaren und Inzisivi bei Kindern, die häufig im Zusammenhang mit Antibiotikagaben im Kleinkindalter zusammenhängen. Vor allem die vorgestellten Therapie- und Restaurierungsmöglichkeiten stießen bei den Zuhörerinnen auf großes Interesse bei dem bekannten Phänomen.
Doch das „Weimarer Forum“ wäre kein Frauenkongress, wenn es seinen Teilnehmerinnen neben aller fachlichen Fortbildung nicht auch Angebote für die Verbesserung der persönlichen „work-life balance“ machen würde. Dafür sorgte der Vortrag der Kölner Stressexpertin Dr. Sabine Schonert-Hirz, die mit ihrem Impulsreferat spannende Einblicke zur Vorbeugung von Burn-out und Depression gab. Besonders wertvoll für die Teilnehmerinnen: Sie können in kleineren, regional ausgerichteten Seminaren das Thema vertiefen. Schonert-Hirz räumte gründlich mit antiquierten Bildern und Vorurteilen auf und machte klar: Stress ist völlig in Ordnung – so lange der Mensch damit nicht in ein Hamsterrad begibt und Schlaufen ohne Ende dreht. Deutlich machte sie dabei, dass es nur eine einzige positive Art von Stress gibt: die Vorfreude. „Erhalten Sie sich die Vorfreude; das ist lebensnotwendig“, sagte Schonert-Hirz. „Je mehr Vorfreude Sie erleben, desto stärker werden die neuronalen Netzwerke.“ Und da waren sie wieder die Netzwerke – wichtig von Mensch zu Mensch und vor allem auch in den Köpfen. Das „Weimarer Forum“ arbeitet daran.
Sabine Schmitt, freie Journalistin, Berlin
