Umfrage unter Zahnärztinnen
Jenseits aller Klischees
Wollen Frauen alle Teilzeit arbeiten? Wollen sie am liebsten ohne großes Risiko als Angestellte den Bohrer anwerfen? Und drohen der Zahnmedizin deshalb der Ausverkauf der freien Praxen und eine Unterversorgung der Bevölkerung? Eine Umfrage des neu gegründeten Netzwerks ZoRA zeigt: Nein, Zahnärztinnen wollen voll arbeiten und das möglichst in ihrer eigenen Praxis!
Eigentlich hatte das junge Netzwerk ZoRA nur mal prüfen wollen, ob unter Zahnärztinnen überhaupt Interesse an einer neuen Austauschplattform besteht. Wollen die Kolleginnen denn wirklich ein bundesweites Netzwerk? Und wenn ja, mit welchen Themen? Aber auch: Wer würde mitmachen? „Was da als Nebenprodukt herauskam, hat uns im Freien Verband wirklich erstaunt“, sagt Dr. Kerstin Blaschke, Mitglied im FVDZ-Bundesvorstand und Gründerin von ZoRA.
Die ersten Fragebogen wurden auf dem Zahnärztinnen-Kongress in Travemünde im vergangenen Jahr verteilt. Im Internet ging die Umfrage weiter, und an der Uni Regensburg konnten Studentinnen mitmachen. Knapp 250 Zahnärztinnen und Zahnmedizinstudentinnen nahmen am Ende teil – und siehe da: Rund 70 Prozent der Befragten arbeiten in ihrer eigenen Praxis oder in einer Berufsausübungsgemeinschaft. Angestellt oder im öffentlichen Dienst tätig ist nur jede Fünfte. Nur 16 Prozent dieser berufstätigen Teilnehmerinnen arbeiten Teilzeit; 84 Prozent hingegen Vollzeit.
„Was das heißt, kann man in den Studien des Instituts der Deutschen Zahnärzte nachlesen“, sagt Dr. Blaschke. „Vollzeit heißt für Zahnärzte, dass sie im Schnitt 46,9 Stunden pro Woche arbeiten, also weit mehr als die sonst üblichen 40 Stunden.“ Die Vermutung lag deshalb nahe, dass Zahnärztinnen, die diese Belastung auf sich nehmen, tendenziell eher alleinstehend wären. Doch die Umfrage zeigte: 66 Prozent der Befragten sind verheiratet oder leben in einer Beziehung; fast 60 Prozent haben ein oder mehrere Kinder, und elf Prozent dieser Frauen sind sogar alleinerziehend.
Noch eindeutiger fielen die Antworten auf die Frage aus: Wie wollen Zahnärztinnen am liebsten arbeiten, wenn sie es sich frei aussuchen könnten? Darauf sagten 41 Prozent der Frauen, ihr Wunsch sei eine eigene Praxis, und weitere 35 Prozent sehen sich am liebsten in einer Praxisgemeinschaft oder in einer anderen Kooperationsform. Nur 14 Prozent wollen hingegen als Angestellte arbeiten.
„Das zeigt, dass das Klischee, Frauen wollten am liebsten gar nicht in die Selbstständigkeit gehen und dass unsere Versorgung in der Zahnmedizin gefährdet ist, so nicht stimmt“, sagt Dr. Blaschke. „Allerdings müssen wir die jungen Frauen unterstützen – und die jungen Männer übrigens auch. Denn das Investitionsvolumen für eine eigene Zahnarztpraxis steigt, die Erträge sinken – wenn man aber diese Investitionen getätigt hat, wie soll man es sich da noch leisten, Kinder zu bekommen und in der Praxis eine Pause zu machen?“
Tatsächlich zeigen die Zahlen des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), dass die Kosten für eine Praxisneugründung in der Zahnmedizin höher sind als in jeder anderen Fachmedizingruppe. Im Jahr 2007 lag das Finanzierungsvolumen für eine neue Zahnarztpraxis in Westdeutschland bei 368.000 Euro – das waren 16 Prozent mehr als 2006. Dennoch waren 2007 im Westen bereits 41 Prozent der Existenzgründer in der Zahnmedizin Frauen, im Osten sogar 57 Prozent.
Wie aber lassen sich diese enormen Investitionssummen stemmen? Wie sind Praxis und Familienleben unter einen Hut zu bekommen? Diese Fragen liegen offensichtlich vielen Zahnärztinnen auf der Seele. In der ZoRA-Umfrage gaben 86 Prozent der Teilnehmerinnen an, sie würden ein Netzwerk für wichtig oder sogar sehr wichtig halten; nur sechs Prozent fanden es weniger wichtig. Als Grund für ein Netzwerk gaben Viele an, sie wollten von anderen und ihren Lebens- sowie Praxismodellen lernen.
„Es gibt für mich die Überlegung, Kinder zu haben“, schrieb eine Teilnehmerin in ihren Antwortbogen. Doch sie fühle sich in den Fragen, die daraus folgen, allein gelassen: Wer solle dann die Praxis weiterführen, wäre es ratsam, eine Vertretung zu organisieren, und wie wäre so eine Babypause überhaupt zu finanzieren? „Männer haben die Familie im Rücken, Frauen haben die Familie im Nacken“, schrieb eine andere. Für Zahnärztinnen mit Kindern sei es schwer, sich weiterzubilden. Hier sei ein Umdenken erforderlich, auch in der Berufspolitik.
„Mentoring“, Finanzierungsmodelle und Praxisformen, die Absicherung für den Fall der Berufsunfähigkeit und die Altersvorsorge, ein Wiedereinstieg nach der Babypause und die Zahnärztin als Führungskraft – in der Umfrage zeigt sich, dass Zahnärztinnen viele praktische Fragen haben, die in einem Netzwerk beantwortet werden könnten.
„Angesichts der finanziellen und zeitlichen Belastung brauchen Frauen Unterstützung, um ihren Wunsch nach einer eigenen Praxis auch verwirklichen zu können“, betont Dr. Blaschke. „Wenn die zahnmedizinische Versorgung wirklich absinken sollte, dann nicht, weil mehr Frauen in den Beruf kommen, sondern weil die finanziellen Rahmenbedingungen im Grunde unzumutbar sind und das Umfeld nicht familienfreundlich ist.“
Die Männer seien davon ebenfalls immer stärker betroffen, betont Dr. Blaschke. Denn auch die jungen Zahnärzte hätten
mittlerweile eine andere Lebensplanung und wollten mehr von ihrer Familie haben als frühere Vätergenerationen. Im Moment liege die Doppelbelastung aber noch vor allem bei den Frauen. „Wir wollen den Frauen sagen: ‚Wagt euch an eine eigene Praxis.‘ Aber wir wollen auch bei Entscheidungen helfen, was mache ich zu welcher Zeit, damit sich jede ohne schlechtes Gewissen für ihren persönlichen Weg entscheiden kann.“
Marion Meyer-Radtke,
freie Journalistin
