Kerstin Blaschke, Organisatorin und Schirmherrin des Weimarer Forums
DFZ: In diesem Jahr stand das Thema „Europäische Vernetzung“ erstmals auf der Agenda des Weimarer Forums. Wie wichtig ist das für die Zahnärztinnen?
» Blaschke: Für uns ist in erster Linie ein Blick über die Grenzen hinweg wichtig. Wenn wir über Freiberuflichkeit reden, sind die Probleme in anderen Teilen Europas, beispielsweise in Osteuropa, auf einem ganz anderen Niveau. Frauen haben dort viel weniger die Möglichkeit, sich zu spezialisieren, obwohl es viel mehr Frauen im Zahnarztberuf gibt. Andererseits ähneln sich die Schwierigkeiten: Wie schaffen es Frauen in ihrem freien Beruf auch frei zu arbeiten? Welche Probleme gibt es bei der Niederlassung? Wie anerkannt sind Zahnärztinnen in ihrem Beruf? All das sind unsere Themen, und ein Blick nach Europa kann uns da stärken. Unsere Idee ist es, den Netzwerkgedanken auszuweiten und Zahnärztinnen aus anderen Ländern auch Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Dazu brauchen wir keine Großkopferten, die nach Weimar kommen, sondern wir wollen die Kolleginnen einfach einbeziehen. Das sollte genauso über persönliche Kontakte wachsen, wie das Weimarer Forum auch gewachsen ist.
DFZ: Wie sehen Sie insgesamt die Entwicklung des Frauenkongresses? Was hat sich seit dem ersten Netzwerktreffen in Travemünde 2008 bewegt?
» Blaschke: Unser Kongress hat sich vor allem inhaltlich stark entwickelt. Der Netzwerkgedanke, das Kontakteknüpfen – das alles sind Themen, die sich nicht mehr im fachlichen Teil des Kongresses wiederfinden, sondern die einfach und selbstverständlich nebenbei laufen. Insgesamt ist das Treffen inzwischen viel selbstverständlicher geworden. Die Fachvorträge leben von ihrer Vielfalt zu medizinischen und rechtlichen Themen, aber auch Dinge, die zur„worklife balance“ gehören, die für Frauen so wichtig ist. Die Bandbreite unserer Themen trifft auch die Interessen der Frauen, die meist das Ganze sehen. Selbstverständlich bringt jede Lebens- und Berufsphase auch andere Herausforderungen mit sich und erfordert eine regelmäßige Neujustierung. Und dafür ist es gleichgültig, ob wir weibliche oder männliche Referenten haben. Da machen wir keinen Unterschied, sondern suchen die Kompetenz.
DFZ: Was ist das Besondere an einem Frauenkongress, wenn die Fachvorträge gar nicht spezifisch auf Frauen ausgerichtet sind?
» Blaschke: Die Zahnärztinnen fühlen sich ohne eine Mehrheit von Männern bei einem fachlichen Kongress deutlich freier. Die Fragen werden anders gestellt. Viele trauen sich überhaupt erst, in dieser offenen Atmosphäre Fragen zu stellen, die ihnen wichtig sind. Ich habe festgestellt, dass die Frauen sowohl aus den fachlichen Workshops als auch aus den Vorträgen deutlich zufriedener rausgehen, weil sie sich einfach besser aufgehoben und akzeptiert fühlen. Allein das ist schon ein großer Mehrwert. Dazu kommt das Drumherum, das einfach stimmt. Was am Freitag mit dem ersten Kennenlernen noch verhalten beginnt, ist am Samstag immer schon eine eingeschworene Gemeinschaft.
DFZ: Ziel von ZoRA und dem Weimarer Forum ist ja der Aufbau eines generationenübergreifenden Netzwerks. Wie nah sind sie diesem Ziel schon gekommen?
» Blaschke: Das Netzwerk hat naturgemäß keine feste Kontur. Man kann hinzukommen, aber auch wieder gehen. Man kann etwas hineingeben, aber auch mitnehmen. Gedacht ist es eigentlich so, dass Ältere den Jüngeren auf die Sprünge helfen, und diese geben dann ihre Erfahrungen wieder an die nächste junge Generation weiter. Und auch die Älteren können vom fachlichen Knowhow und der Sichtweise der Jüngeren profitieren. Im Kleinen funktioniert das schon sehr gut. Und hier auf dem Weimarer Forum haben sich schon einige Zahnärztinnen getroffen, die sich dann lange Zeit auch überregional im Erfahrungsaustausch verbunden bleiben.
DFZ: Dennoch ist die Fluktuation relativ hoch: Nur rund 20 Prozent der Teilnehmerinnen kommen im Folgejahr wieder. Wie kommt das?
» Blaschke: Das ist durchaus positiv und spricht für uns und den gelebten Netzwerkgedanken. Es spricht sich herum,
dass es das Weimarer Forum für Zahnärztinnen gibt, und das ist sehr positiv. Wir haben einen harten Kern an Stammbesucherinnen. Und viele andere können wir jedes Jahr neu für unsere Themen begeistern. Das ist doch etwas Wunderbares. Die Idee des Frauenkongresses bleibt bei vielen im Kopf, auch wenn sie im folgenden Jahr vielleicht nicht teilnehmen können, weil es zeitlich gerade nicht passt. Denn die positive Erfahrung, die sie hier gemacht haben, bleibt ja. Wir können und wollen nicht jedes Jahr dasselbe anbieten, damit wir uns hier nicht im Kreise drehen. Aber wenn diejenigen, die hier waren, als Multiplikatoren auftreten, ist das doch schon eine gute Sache.
DFZ: Gerade an jüngeren Zahnärztinnen mangelt es noch auf dem Weimarer Forum. Wie können Sie diese auch von der Sache überzeugen?
» Blaschke: Es ist klar, dass gerade jüngere Frauen in der Gründungs- oder auch in der Familienphase wenig Zeit haben. Oft steht auch gerade eine Spezialisierung an; da verbindet man die Fortbildung vermutlich lieber sehr fachspezifisch. Die jüngeren Kolleginnen sind jederzeit aufgefordert, zu sagen, was sie brauchen, was sie erwarten und welche Themen sie ansprechen. Jeder kann sich einbringen oder einfach mitarbeiten. Und ich kann nur immer wieder sagen: Gerade für die jungen Zahnärztinnen ist die Vernetzung wichtig. Wir werden deshalb verstärkt schon an die Studentinnen und an junge Absolventinnen herantreten. Vielen ist der Wert des Austausches, der hier stattfindet, noch gar nicht klar. Und falls es an den Teilnahmekosten liegt, kann man ihnen da auch entgegenkommen.
Die Fragen stellte Sabine Schmitt
Freie Journalistin, Berlin
